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LE-Nightflight

Bericht

Ana Popovic

Mittwoch 27.10.2004, Objekt 5, Halle/Saale

Wer ist die Frau, die in den Jazzmagazinen so hoch gehandelt wird? Auf den Bildern sieht sie so gut aus, dass man glauben könnte, sie wäre das Model für die Gitarrenwerbung. Man muss schon mal neugierig sein dürfen, was tatsächlich echt ist. Im Objekt 5 war’s möglich, konnte man ganz dicht aufrücken und das Phänomen Ana Popovic ungefiltert erleben.

Es ist nicht so, dass junge Gitarristen den Blues noch hundertmal neu erfinden würden. Aber, wenn sie gut und bemerkenswert sind, dann gehen sie anders damit um. Erstaunlich bleibt es, dass die Facetten immer wieder neue sind, obwohl prinzipiell aus den gleichen musikalischen Ressourcen geschöpft wird. Ob Jazz, Rock, Funk – es ist alles schon mal in irgendeiner Weise mit dem Blues verwurstet worden. Bei Ana Popovic ließ sich ein weiteres Beispiel für Personalstil finden und bewundern.

Eine kleine, gut eingespielte Band begleitete intuitiv, schlagkräftig und sensibel. Ohne Effekthascherei passierte Interaktion und Bewegung zwischen drei hervorragenden Instrumentalisten. Die einzige Showeinlage des Schlagzeugers sei aber erwähnt. Ab und an freute dieser sich, seine Fingerfertigkeit zu präsentieren, und ließ nebenbei seinen Stick durch die Finger und durch die Luft wirbeln, um ihn exakt im richtigen Moment wieder zu greifen.

Denis Palatin (Schlagzeug) und Fabrice Asch am Bass können sich der Wertschätzung ihrer Chefin gewiss sein. Jedenfalls wurde diese nicht müde, ihre Band auf charmante Art zu loben und stellte auch öfter die Suggestivfrage an’s Publikum „Wie gefällt euch meine Band?“ Natürlich außerordentlich gut! Schafften es doch die beiden, der stilistischen Vielseitigkeit Ana Popovic’s in jedem Moment zu entsprechen, sie begleitend wie auch in Soloparts.

Zugegeben, männliche Rezensenten fallen in der Regel aufgrund Ana’s Schönheit und Ausstrahlung erst mal um, weibliche sind zumindest stark davon beeindruckt. Doch sie ist intelligent und begabt genug, um keinen Frauenbonus auszuspielen oder gar nötig zu haben. Äußerlichkeiten rücken angesichts ihrer musikalischen Fähigkeiten schnell in den Hintergrund. Und schließlich kommt es nicht von ungefähr, dass sie seit dem Beginn ihrer Karriere mit wichtigen Preisen überhäuft wird. Zuletzt erhielt sie und ihre Band den Jazz Award „Jazz a Juan-Revelation 2004“ in Juan Le Pins, Frankreich.

Schuld an ihrem musikalischen und geschäftlichen Erfolg ist ihr Vater. Durch ihn fand sie nicht nur die Begeisterung an der Musik und lernte mit 15 ihre ersten Licks von ihm. Er war es auch, der ihr einimpfte, wie wichtig es ist, eine Musikerkarriere richtig zu starten und gut zu lenken. Dass sie den Blues von Grunde auf in sich aufgesogen hatte, er zur Basis ihres Schaffens wurde, hängt ebenfalls unbedingt mit ihrem Vater zusammen. „Daddy wollte immer nur die amerikanische, schwarze Musik hören, nicht den europäischen Stuff.“ Erzählte sie über ihn, dessen umfangreiche Plattensammlung alle Bluesgrößen wiederspiegelte. Mit dieser Musik wurde sie groß. Und als später weder ihr Vater noch einer seiner Bandkollegen Ana erklären konnte, wie man Slide spielt, nahm sie sich Elmore James’ "Dust My Broom" vor und probierte anhand der Plattenaufnahme.

Heute kombiniert sie diese Roots mit funky Grooves, mit kraftvollen Rockattacken, mit Jazz, auch mal mit crazy Sounds, Effekten und Verzerrer wie bei ihrem Hendrix-Cover „House Burning Down“. Traumwandlerisch bewegt sie sich zwischen den Genres. Mit sicherer Hand verbindet sie die Stile ohne Aufdringlichkeit. „Mit 20 Jahren hörte ich zum ersten Mal Ronnie Earl und das beeinflusste mich so, dass ich begann, nach neuen Sounds und Skalen zu suchen.“ Erklärte sie einmal in einem Interview ihren Weg. Später entdeckte sie, wie Sonny Landreth neue Skalen mit Slide mixte, hörte Robben Ford’s Fusion, lernte John Scofield, Kevin Eubanks, Dean Brown kennen und studierte schließlich in Holland Jazz, Worldmusic und Pop.

Einem Glücksumstand und der schnellen Entschlossenheit des Labels Ruf Records ist es zu verdanken, dass Anas Weg so schnell nach oben führte. Bei einem Bernard-Allison-Konzert wurde sie spontan zum Jam eingeladen. Sie beeindruckte den Gitarristen derart, dass Allison den Kontakt zu seiner Plattenfirma herstellte. Kurze Zeit später erschien bei Ruf ihr Album „Hush“, benannt nach ihrer ersten Band. 2003 kam ebenfalls bei Ruf „Comfort To The Soul“ heraus.

Beeindruckend ist nicht nur ihre Perfektion und Intension auf der Gitarre. Ana Popovic überraschte auch mit einer wandlungsfähigen Stimme. Sie sang ebenso überzeugend rockig wie sie Soul in ihre feminine Stimme legen konnte oder sie mit männlicher Attitüde tief in den Blues drückte.

Was sie auch spielte oder sang, sie tat es intensiv und emotionsstark, gab Hundertprozent. Bei T. Bone Walkers Blues „The Hustle Is On“ hatte sie wieder eines ihrer phantastischen Soli. Schlagzeuger und Bassist nahmen sich sehr zurück, bis sie nur noch mit den Fingern schnipsten und schließlich ganz von der Bühne gingen. Die Gitarre flüsterte mittlerweile nur noch. Nach und nach schaltete Ana den Regler ganz zurück. Was nun kam war purer Rhythmus, geballte Emotion, totale Anspannung und Musik in jedem Ton. Bemerkenswert war die Klangfreudigkeit ihrer Telecaster, die einen perkussiven, aber auch feinen und vollen Ton mitbrachte. Eine Fender ist eben eine Fender.

Etwas ganz anderes und vor allem auch Geschmacksache ist hingegen eine Ovation. 12 Saiten auf Kunststoffbody geben zwar einen cleanen Sound. Eine sechssaitige Gibson hätte aber nicht nur geiler ausgesehen, sondern wohl auch einen volleren, runderen Klang gehabt. Doch leider gibt’s dafür halt kein Endorsement.

Das wäre dann aber auch der einzige Punkt, der bei manchem Hörer noch einen Wunsch hätte offen gelassen haben können. Ein tolles Konzert ging mit einer großartigen und ausgiebigen Zugabe zuende. Anders wäre die Schöne auch nicht von der Bühne entlassen worden.

PePe

 

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